Nachstehende Pressemeldung erschien im Höchster Kreisblatt , die wir dankenswerterweise auf unserer Internetdarstellung veröffentlichen dürfen.

 

12.10.2011

"Wer befreundet ist, macht keinen Krieg"
 

 
Sylvia Fluch-Kerkovius malt künftig nicht mehr auf Seide, weil hochwertige Materialien nur schwer zu bekommen sind.

Eppstein. Wenn es darum geht, sich selbst zu definieren, dann zögert Sylvia Fluch-Kerkovius. Den Titel "Künstlerin" will sie jedenfalls nicht einfach für sich in Anspruch nehmen, selbst wenn sie aus einer Künstlerfamilie stammt: "Ich male halt gerne", sagt sie. Ihre Zurückhaltung resultiert aus der Erfahrung, dass als Kunst bei einigen nur das gilt, was abstrakt, schwer zugänglich oder konzeptionell angelegt ist. Ihre Werke hingegen sind meist gegenständlich, zeigen in wunderschönen Farben Blumen sowie Landschaften und sind auf Seide gearbeitet. Vielleicht ist es aber auch ihre Liebe zum Konkreten, die sie vor dem Wort Kunst etwas zurückschrecken lässt. Schließlich hat war sie lange als Heizungsplanerin beschäftigt, war für Siedlungen etwa in Köln verantwortlich. Ein Job, in dem sie präzise arbeiten, Pläne lesen und als Frau damals ein besonderes Maß an Durchsetzungsvermögen und Geduld den Männern gegenüber haben musste.

Doch trotz ihrer Probleme mit der Selbstdefinition, ist sie für viele schlicht eine Seidenkünstlerin. Ihre Werke strahlen, sind kreativ und beliebt. Jetzt ist aber Schluss mit der Seidenmalerei für die 72-Jährige. In der Bücherei zeigt die in den Eppsteiner Partnerstädten beliebte Künstlerin ein letztes Mal einige ihrer Werke. Es waren zumeist kleinformatige Bilder, auf denen Blüten abgebildet waren. Auch aus ihrer Arbeit, die sich mit dem tschechischen Jugendstilkünstler Alfons Mucha auseinandersetzt, waren einige darunter. Seine warmen und weichen Frauen, so Fluch-Kerkovius, passten wunderbar zur Seide.

Aktiv für "Europart"

Die in Riga geborene, aber in Deutschland aufgewachsene Künstlerin bemalt keine Schals, Bilder und Paravents mehr, weil ihr das geeignete Material für ihre Arbeit fehlt. Es ist vor allem der Mangel an hochwertigem und nicht wasserlöslichen Gutta, einem Trennmittel, das sie für die Konturen in ihren Werken verwendet. Es ist kaum noch zu bekommen. Der Abschied fällt ihr nicht leicht. Vielleicht, sagt sie, werde sie sich aber künftig mit Pastellmalerei beschäftigten. Doch zunächst möchte sie sich weiter intensiv um den Eppsteiner Partnerschaftsverein "Europart" und die Lettlandhilfe kümmern, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann Franz sehr engagiert ist.

Suche nach der Mutter

Im Sommer hatte sie in Aizkraukle sogar ihre größte Ausstellung. In der Partnerstadt wurde ein breiter Querschnitt ihrer Arbeiten gezeigt. Doch Sylvia Fluch-Kerkovius hat ihr Heimatland Lettland seit 2003 nicht nur künstlerisch unterstützt, in Aizkraukle hat sie mit der Lettlandhilfe eine Vielzahl von Sach- und Geldspenden organisiert.

Die Pflege der interkulturellen Beziehungen liegt Sylvia Fluch-Kerkovius sehr am Herzen. "Wer befreundet ist, macht keinen Krieg", sagt die Mutter eines erwachsenen Sohnes. Als Deutschstämmige mit jüdischen Wurzeln in Lettland, musste sie nach der Machtergreifung Hitlers fliehen. Alle Mitglieder haben schreckliche Schicksalsschläge hinter sich. Viele haben den Krieg und die Konzentrationslager nicht überlebt. Und für Sylvia Fluch bedeutete der Krieg vor allem Trennung von ihrer Familie. Sie wuchs mit ihrer Schwester bei einer Tante in Deutschland auf, ohne dass ihre Mutter oder die anderen Verwandten etwas von ihrer Existenz wussten. Denn die Mutter glaubte, sie hätte ihre Töchter nach der Flucht bei einem Bombenangriff in Kolberg verloren. Und auch die Suche nach der Mutter blieb lange Zeit erfolglos. Bis sie 1992 durch einen glücklichen Zufall zunächst Kontakt in die alte Heimat hatte und dann sogar ihre Mutter in New York wiederfand. In dieser aufwühlenden Zeit war Sylvia Fluch-Kerkovius die Seidenmalerei, die sie gerade begonnen hatte, ein wichtiger Halt: "Die Seidenmalerei war irgendwie mein Ruhepol."tay

Die Ausstellung ist noch bis Weihnachten in der Bücherei im Rathaus II, Rossertstraße 21,zu sehen. öffnungszeiten: siehe Kreisblatt "Heute in Eppstein". (tay)

Aktualisierung: 03.11.2011
© Europart Eppstein e. v.

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