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„Dass es eine Frau wie
mich trifft, eine Hausfrau ohne große Ämter, die eher im Verborgenen
wirkt, freut mich besonders“, sagte Gisela Rasper, als ihr Landrat
Berthold Gall am Montag im Auftrag von Bundespräsident Horst Köhler das
Bundesverdienstkreuz am Bande überreichte. Die Nachricht kam völlig
überraschend. Sie habe vor drei Jahren ihre Ehrenämter auflisten müssen,
weil sie für den Ehrenbrief des Landes vorgeschlagen werden sollte.
Danach habe sie nichts mehr davon gehört, erinnerte sich Rasper
schmunzelnd. Umso mehr staunte sie, dass ihre Arbeit nun sogar bundesweit
gewürdigt wird.
Der Landrat lobte Gisela Raspers Engagement bei den deutsch-französischen
Städtepartnerschaften, die in den 80er Jahren blühten. Als „Madame
Jumelage“, wie sie von den französischen Städtepartnern in Langeais
liebevoll genannt wird, ging sie auch in die Annalen des Kreises ein.
Ausschlaggebend für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ist auch ihr
überregionales Engagement für die Landsmannschaft der Russlanddeutschen.
Seit 1993 ist sie Vorsitzende der Helenendorfer Gruppe und betreut rund
250 russlanddeutsche Familien, die wie ihr Vater aus Helenendorf im
Kaukasus stammen. Das nächste Jahrestreffen ist Ende April in Mainz.
Außerdem gibt sie Deutschkurse für Russlanddeutsche und hält Vorträge über
die Kultur der deutschen Landsmannschaften in Russland. Ihr großes Ziel:
„Vorurteile abbauen und die Russlanddeutschen integrieren“, sagt Rasper
und hält deshalb immer wieder Vorträge, um die Menschen für dieses Thema
zu sensibilisieren.
In der Eppsteiner Zeitung sorgt sie seit ihrem ersten öffentlichen
Auftritt vor 40 Jahren als „Gräfin Loretta“ in Ludwig Löbers Stück „Die
Stadterhebung“ immer wieder für Schlagzeilen.
Als Gisela Rasper 1967 mit ihrer Familie nach Eppstein zog, war Eppstein
gerade im Jubiläumsfieber und der Heimatdichter und damalige Verleger der
Eppsteiner Zeitung entdeckte in der attraktiven Neubürgerin die ideale
Besetzung für die Rolle der Burgherrin in dem Stück, das er für die
650-Jahrfeier geschrieben hatte. Es wurde beim Stadtjubiläum 1968
uraufgeführt. Mitten drin Gisela Rasper als „Loretta“, die gemeinsam mit
ihrem Gatten „Gottfried von Eppstein“ hoch zu Ross den historischen Umzug
durch die Altstadt anführte.
Seitdem gehört sie dazu.
Bundesverdienstkreuz für eine überzeugte Europäerin
1972 trat Gisela Rasper der Freien Wählergemeinschaft (FWG) bei, war elf
Jahre lang im Magistrat, war Mitgründerin des Hausfrauenverbandes Eppstein,
den sie seit sechs Jahren leitet, Mitgründerin des Partnerschaftsvereins
„Europart“ und ist in zahlreichen Vereinen in Eppstein aktiv.
Noch heute ist sie ihrem 1987 viel zu früh verstorbenen Mann Joachim
dankbar, dass „er es mir ermöglichte, zu Hause zu bleiben und die Kinder
zu erziehen. Sonst hätte ich mich nie so stark engagieren können“, sagt
sie offen und zeigt Verständnis dafür, dass viele Menschen erst im
Rentenalter Ehrenämter übernehmen können.
Sie lernte ihren Mann während des Studiums in Frankfurt kennen. Geheiratet
wurde 1960. Sohn Martin kam zur Welt, als Gisela Rasper mitten im
Staatsexamen steckte. Natürlich rasselte sie durch. „Heute bin ich froh.
Als berufstätige Frau hätte ich nie so viele Kinder bekommen“, freut sie
sich im Kreis der Familie: Vier Kinder, Schwiegerkinder und sechs Enkel
kamen selbstverständlich zur Feierstunde im Rathaus in Vockenhausen. Denn
bei allen Ehrenämtern ist die Familie Gisela Raspers ganzer Stolz und
Lebensmittelpunkt.
Statt Lehrerin für Deutsch und Französisch zu werden, machte Gisela Rasper
eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsmeisterin und engagierte sich als
Sprachlehrerin und als Kursleiterin bei Volkshochschule und Kulturkreis.
Schon beim Abitur, das, so Rasper, „nicht sehr berauschend war“, habe ihre
Lehrerin ihr vorausgesagt: „Deine sozialen und organisatorischen
Fähigkeiten lassen sich kaum in Schulnoten erfassen, sind aber für die
Gesellschaft wichtig“, erinnerte sie sich an ihrem Ehrentag.
„Die Eppsteiner machten es mir leicht, mich zu engagieren“, bedankte sich
die Geehrte bei ihren Mitbürgern. „Ich wuchs als Flüchtlingskind auf; da
war es nicht selbstverständlich, dass man mit offenen Armen empfangen
wurde“, erinnert sich Gisela Rasper an ihre Kindheit nach dem Krieg.
1941 musste sie mit ihren Eltern aus Landsberg fliehen. Der Vater kam für
zwölf Jahre in russische Gefangenschaft. Ihre Odyssee über Berlin, den
Wartegau bis nach Esslingen schildert sie in der Dokumentation „Mein
Kriegsende“, das vier Bremthaler Jugendliche filmten. Auch darüber
berichtete die EZ. Als überzeugte Europäerin ging sie schon als 20-jährige
Studentin für ein Jahr nach Frankreich und pflegt ihre ganz persönliche
„deutsch-französische Freundschaft“ schon seit über 50 Jahren.
Bei einer Aufstellung ihrer vielen Aktivitäten kam sie selbst auf
insgesamt 111 Jahre ehrenamtlicher Tätigkeit. „Wenn man alle aufzählen
wollte, müsste man ein Buch aufschlagen“, flachste Berthold Gall in seiner
Laudatio, hob dabei aber hervor, dass er Raspers Erfolge eng verknüpft
sieht mit ihrer Ausstrahlung und ihrer unermüdlichen Energie: Ob im
Kochclub oder beim Schüleraustausch, als Verfechterin des
Haushaltsführerscheins, als Vermittlerin der „Fünf Tibeter“, als
Dolmetscherin für befreundete Vereine in Langeais oder wenn sie dafür
eintritt, dass die Deutschen den Krieg nicht aus ihrer Erinnerung
streichen sollten – immer ist Gisela Rasper mit gleichbleibender
Begeisterung und Überzeugungskraft beim Thema.
Im Mai steht die nächste Reise an. Dann fährt sie zum Europatag nach
Langeais, der zum ersten Mal in Eppsteins Partnerstadt gefeiert wird. „Wer
weiß, vielleicht ist der Europatag die nächste Gelegenheit, um meine neue
Auszeichnung zu tragen“, freut sich Rasper. Aber vorher müsse sie sich
noch genau mit der Trageordnung vertraut machen, fügt sie verschmitzt
hinzu. Denn die regelt genau, zu welchen Gelegenheiten das Kreuz und wann
ersatzweise die Schleife getragen wird. bpa |